Geschichten zum Nachdenken...


Die verlorenen Federn

Veröffentlicht: 07.12.2011

Eines Tages begegnete der schneeweißen Henne Berta auf dem Hof die eingebildete Katze Mia mit dem seidenweichen Fell.
Mia schlich um Berta herum, blieb plötzlich stehen und verzog das Gesicht zu einem höhnischen Lachen. Dann sagte sie von oben herab: "Wie siehst du denn aus??? Dein Federkleid ist ja ganz durchsichtig. An manchen Stellen bist  du ja schon richtig nackt! Kein Hahn wird dir mehr hinterherlaufen und der ganze Hühnerhof wird dich auslachen. Igitt igitt! Wie kann man nur so ungepflegt herumlaufen!"
Und um Berta noch mehr zu ärgern, leckte Mia ausgiebig ihr Fell, damit es in der Sonne noch schöner glänzte als sonst.
Die Henne Berta war ganz durcheinander und ihr Hühnerherz klopfte wie wild. Ob das wohl stimmt, was die Katze gesagt hatte? Sie  drehte den Kopf nach links und dann nach rechts, blickte an sich herab  und konnte dabei aber ihr Federkleid nicht vollständig sehen. Sie wollte auch kein anderes Tier fragen und überlegte: "Wie kann ich nur herausbekommen, ob die Katze die Wahrheit gesagt hat oder ob sie mir nur einen Schreck einjagen wollte?"

So ging Berta ganz auf sich selbst konzentriert langsam Schritt für Schritt mit gesenktem Kopf über den Hof und machte sich viele Gedanken. Sie wollte niemandem begegnen und sich hinter den  Müllcontainern verstecken. Plötzlich sah sie vor dem Glascontainer  eine Spiegelscherbe liegen. Die hatte wohl jemand vergessen. Da hatte Berta eine Idee:
Sie hob die Scherbe vorsichtig mit einem Bein an, half mit dem Schnabel nach und stellte sie auf. Da sah sie ihr Spiegelbild und erschrak. Sie sah wirklich ganz zerzaust aus und hatte Federn verloren. Die eingebildete Katze hatte also Recht. Sie versteckte die Spiegelscherbe, denn sie wollte ihr Spiegelbild nicht mehr sehen.
Ihr, der schönen weißen Henne, gingen wirklich die Federn aus wie Opa Meier die Haare. Aber Opa Meier war alt und seine Glatze störte niemanden.
Doch Berta war eine noch junge Henne. Und bisher sah sie wirklich schön aus mit ihrem Federkleid, das sauber war, glatt  und weiß wie frisch gefallener Schnee. Was war nur geschehen? Hatte sie vielleicht eine schlimme Krankheit? Hatte sie irgendetwas gefressen, was krank macht? Vielleicht solle sie sich nicht mehr im Dreck wälzen wie die anderen?
Henne Berta hatte Angst und schämte sich. Sie verkroch sich in die hinterste Ecke des Hühnerstalls im Stroh, wo es dunkel war, weil sie von keinem Tier gesehen werden wollte und schon gar nicht von der eingebildeten Katze mit dem seidenweichen glänzenden Fell.
Sie blieb fortan den ganzen Tag im Stall, hatte keinen Appetit, ließ das Futter liegen und legte auch keine Eier mehr. Und dann begann auch noch das Gefieder zu jucken. Berta pickte mit dem Schnabel in ihr Federkleid, aber es wurde nur noch schlimmer. Und eines Nachts hielt sie es nicht mehr aus.
Sie schlich auf ganz leisen Krallen, fast so leise wie die eingebildete Katze auf ihren Samtpfoten, aus dem Stall und wälzte sich, so wie es immer getan hatte, ausgiebig im Dreck. Danach schüttelte sie sich und  das Jucken war weg.
Am nächsten Tag war das Jucken wieder da, aber Berta wusste, was sie dagegen tun konnte: sich im Dreck wälzen. Trotzdem  fielen ihr wieder Federn aus. Doch mit jeder Feder, die sie verlor, fühlte sie sich wohler, obwohl sie inzwischen fast nackt aussah. Das war ganz merkwürdig.
Eines Nachts, als sie sich wieder heimlich aus dem Hühnerstall geschlichen hatte, um sich im Dreck zu wälzen, begegnete ihr die Eule Frieda, die gerade einen Rundflug über den Hof machte. Berta wollte ganz schnell verschwinden, aber die Eule landete neben ihr und sagte: "Jetzt bleib doch mal stehen. Außer mir sieht dich doch keiner. Die anderen Hühner schlafen und die eingebildete Katze Mia pflegt noch ihr seidenweiches Fell. Ich will dir einen Vorschlag machen."
"Was willst du mir schon vorschlagen?" sprach  Berta zur Eule. "Du weißt ja gar nicht, wie  mies es mir geht! Ach, Frieda, du hast ein so schönes Federkleid und zeigst es am Tage niemandem, weil ihr Eulen da schlaft. So etwas  versteht wirklich kein Huhn."
Die Eule entgegnete: "Nun beruhige dich doch. Atme ein paar Mal ganz tief durch und schließe deine Augen. Lass die Flügel ganz locker, ganz locker. Du hast Zeit, viel Zeit. Lass deine Flügel so leicht werden, dass du sie kaum noch fühlst und sie sich wie von alleine aufrichten. Lass es einfach geschehen und genieße die Ruhe der Nacht um dich herum. Und jetzt stell dir ganz genau vor, dein Federkleid ist wieder so schön wie früher. Sauber, weich und weiß wie frisch gefallener Schnee."
Die Henne Berta verzog plötzlich den Schnabel zu einem breiten Lächeln und es sah aus, als ob sie träumte. Nach einer ganzen Weile sagte die Eule: "Nun schlaf nicht ein. Hier ist mein Vorschlag: Wollen wir wetten, dass du in 6 Wochen wieder ein schönes Federkleid hast?"    
 

"Ach, Frieda, das wäre zu schön, um wahr zu sein"  seufzte  Henne Berta, "ich kann das aber kaum glauben."
Berta wusste, dass die Eulen kluge und ehrliche Vögel sind, aber wetten??? Ob das gut war? Wo doch bei den Menschen viele Wetten in Zank und Streit endeten und ihnen richtig unter die Haut gingen.  Aber die Menschen  sagten auch manchmal "Probieren geht über Studieren". Berta überlegte hin und her, trat von einem Bein auf das andere und war ganz unsicher, ob sie wetten sollte. Doch dann wurde sie neugierig und fragte: "Worum wollen wir denn wetten? "
"Ach", sagte die Eule, "wenn du in 6 Wochen ein neues, schönes  Federkleid hast., dann gehört der erste große Regenwurm, den du findest,  mir.  Aber wenn du  in  6 Wochen noch genauso kahl und nackt aussiehst wie jetzt, dann bekommst du von mir einen großen Wurm".
Der Vorschlag der Eule brachte Berta  etwas durcheinander. Nach  einer Weile willigte sie ein, obwohl sie noch gar keinen richtigen Appetit wieder auf Regenwürmer hatte. Sie reichten einander die rechten Flügel zum Zeichen dafür, dass die Wette abgeschlossen war. Die Eule Frieda flog weg und Berta schlich wieder in den Hühnerstall ohne dass jemand etwas von ihrem nächtlichen Ausflug und dem Gespräch mit der Eule bemerkte.
Viele Tage und Nächte vergingen. Und als sich Berta wieder einmal vorstellte - das tat sie jede Nacht, seitdem sie die Eule  getroffen hatte - wie schön es wäre, wieder ein volles weißes Federkleid zu tragen, spürte sie, dass sich an ihr etwas veränderte. Zuerst war es wie ein leichtes Kribbeln und Jucken. Sie beobachtete das Jucken eine ganze Weile und war völlig überrascht: Es ging von alleine weg! Und es dauerte gar nicht lange, da bemerkte sie, dass etwas wuchs, ganz langsam;  zuerst ganz weich, zart  und klein wie bei einem Küken. Und sie hob einen Flügel an, um ihren Kopf an dem weichen Flaum, der da wuchs, zu streicheln. Tat das gut!
Doch allmählich bildeten sich aus dem Flaum neue, weiße Federn, schöner als je zuvor. Und als der Mond eines Nachts ganz hell schien, also als Vollmond war, holte Berta die Spiegelscherbe aus dem Versteck  beim Glascontainer, betrachtete sich von allen Seiten  und war völlig überrascht: Sie war so schön wie früher. Eigentlich noch schöner. Sie atmete  paarmal ganz tief ein und aus, reckte ihren Kopf in die Höhe, machte sich ganz groß und drehte sich vor der Spiegelscherbe wie eine tanzende Prinzessin im Märchen.
Dann schlich sie zurück zum Hühnerstall und schlief fest wie ein Bär die ganze Nacht und hatte einen schönen Traum, von dem sie früh aber nichts mehr wusste.
Am Morgen stand sie  mit den anderen Hühnern auf und stolzierte hinaus auf den Hühnerhof. Der Hahn lief ihr sofort hinterher und machte ihr Komplimente, wie schön sie sei.
Doch einige andere Hühner hatten jetzt auch ein völlig zerzaustes Federkleid. Die eingebildete Katze Mia schlich über den Hof und machte sich über die anderen zerzausten Hühner lustig. Aber an Berta  ging die Katze  schweigend mit erhobenem Kopf vorbei  und sagte kein Wort.
Die Eule  hatte etwas geahnt. Sie stand  nach genau 6 Wochen schon am späten Nachmittag auf  als die Hühner noch wach waren. Und Berta, die gerade einen dicken, fetten Regenwurm gefunden hatte, erinnerte sich an die Wette und gab ihn sofort der Eule. Henne Berta war glücklich, dass sie die Wette verloren hatte.
Die Eule aber war ein fairer Wettpartner und  teilte den Regenwurm mit ihr.


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