Geschichten zum Nachdenken...


Der verstümmelte Apfelbaum

Veröffentlicht: 07.12.2011

Apfel

Wenn von einem Apfelbaum die Rede ist, können einem die unterschiedlichsten Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen kommen.
Manche sehen einen prachtvollen Baum mit Früchten, andere hören, wie der Wind durch die Zweige fegt und Äpfel zu Boden fallen, wieder andere haben den Duft von Omas Bratäpfeln in der Nase, und es gibt auch Leute, die lehnen sich zurück, schließen die Augen und atmen tief und genüsslich ein und aus, um sich ganz genau an den Duft  und  an den Geschmack von frisch gebackenem Apfelkuchen zu erinnern, so als würden sie  sich gerade jetzt ein Stück langsam auf der Zunge zergehen lassen.
Dabei denkt  kaum einer  daran, von welchem Baum die Früchte gekommen sind und auch nicht daran, wie lange ein Apfelbaum wachsen muss, um Früchte zu tragen, um sozusagen ein erwach¬sener  Baum zu werden.
Wenn Apfelbäume sehen, hören,  fühlen und reden könnten, würden wir vielleicht ganz spannende Geschichten erfahren.

Ein Gärtner hat einmal für seine Kinder die Geschichte von einem Apfelbaum erdacht, nicht ganz selbstlos, denn er wollte ihnen Mitgefühl und Hoffnung vermitteln. Eines Abends vor dem Einschlafen erzählte er ihnen dann Folgendes:
Es ist schon lange her, da pflanzte ein junges Paar kurz nach der Hochzeit einen Apfelbaum, ganz klein, ganz zart. Die kleine Pflanze wurde gehegt und gepflegt und wuchs ganz normal heran, bis der junge Mann schwer erkrankte und nicht mehr aus dem Krankenhaus zurückkehrte.  Die junge Frau war voller Trauer und Schmerz und zog sich immer mehr zurück. Und bei der Bewältigung  des Alltags entging der kleine Baum ab und an ihrer Aufmerksamkeit.
Nach einiger Zeit  lernte sie einen anderen Mann kennen und sie heirateten. Bald aber stellte sich heraus, dass dieser Mann  das Bäumchen, welches gemeinsam gepflanzt und gepflegt worden war,  nicht mochte. Es war ein wenig anders als seine Artgenossen, wuchs ganz auf seine Weise, ungezwungen, ein wenig wild.
Sobald den Mann neue, vermeintlich wild wachsende, Zweige oder Äste störten, brach oder hackte er sie gnadenlos  ab. Seine Frau schwieg dazu  und versuchte durch heimliches Gießen und Harken das Bäumchen wieder zum Wachsen zu bringen, aber es gedieh fortan nur sehr langsam, so als hätte es eine schreckliche Angst.
Als nach einigen Jahren im späten Frühjahr alle Bäume blühten, stand der inzwischen fast verstümmelte Apfelbaum mit ganz wenigen neu gewachsenen Zweigen und Blättern auffallend daneben. Die Leute, besonders die Kinder, machten sich über ihn lustig. Wenn sich ein Mensch diesem Baum näherte, begannen seine Zweige zu zittern, weil er nie wusste, was man mit ihm vorhatte. Wie gern hätte er sich an einen sicheren Ort verpflanzen lassen, aber niemand wollte ihn wirklich in seinem Garten haben.
So war es ihm lieber, klein und unauffällig zu bleiben, damit ihm niemand zu nahe kam.
Und so wuchs er zwar langsam, aber er blühte jahrelang nicht,  bis einem sehr kalten Winter ein wunderschöner sonniger Frühling folgte. Der Apfelbaum bekam einige Knospen und im Mai war nicht mehr zu übersehen, dass er blühte. Leute, die ihn von klein auf  kannten, bemerkten schon, wie er sich verändert hatte, und die Kinder machten sich weniger über ihn lustig. Dennoch fiel es ihm sehr schwer, jemandem zu vertrauen. Zu viele Narben an seinem Stamm und seinen Ästen hatten ihn misstrauisch gemacht.
Das Schicksal wollte es, dass der  Mann, der die wild wachsenden Äste und Zweige immer wieder abhackte, wegen einer schweren Krankheit das Haus für immer verlassen und gepflegt werden musste. Daraufhin bekam der inzwischen fast erwachsene Apfelbaum im Mai deutlich mehr Blüten als je zuvor.
So richtig gut ging es ihm damit nicht. Einerseits wünschte er sich, einmal in voller Blüte bewundert zu werden, andererseits schreckte er davor zurück. Vielleicht wollte dann jemand einen ganzen Ast absägen und ihm neue Wunden und Narben zufügen? Schon bei dem Gedanken daran, fingen seine Zweige wieder an zu zittern. Doch man ließ ihn in Ruhe.
Im nächsten Jahr geschah dann etwas Merkwürdiges: Dieser Apfelbaum blühte genauso prächtig wie andere Bäume und im Herbst trug er sogar mehr Früchte als alle Apfelbäume um ihn herum. Und er hatte eine große Freude daran, wenn Leute vorbeikamen, Äpfel pflückten und sie sich schmecken ließen.
Und jetzt, Kinder, könnt ihr davon träumen und morgen aufschreiben, wie es dazu kam, dass der verstümmelte Apfelbaum doch noch über sich hinauswuchs.


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