Geschichten zum Nachdenken...


Das Übel an der Wurzel packen

Veröffentlicht: 07.12.2011

Unkraut

Das ist die Geschichte von einem Mann, in dessen Garten an bestimmten Stellen immer wieder Unkraut wucherte, ganz gleich, was er dagegen tat.
Der Großteil des Gartens war schön gepflegt. Ein Stück Rasen, Blumen- und Gemüsebeete waren angelegt, ein paar Sträucher standen hier und da  und ein Baum spendete im Sommer Schatten.
Aber immer wieder begann Unkraut zu wuchern und nahm den anderen Pflanzen das Licht und die Luft zum Atmen.
Jener Mann versuchte wieder und wieder dem Unkraut Herr zu werden.

Er versuchte es mit Abschneiden: Vergebens. Mit Abbrennen: Aber auch da erholte sich das Unkraut nach wenigen Wochen. Er setzte verschiedene Chemikalien ein und besprühte es, doch es half nichts. Mit der Zeit wurde er ganz traurig und verzweifelt, wusste nicht aus noch ein. Und er ärgerte er sich! Manchmal stieg richtige Wut in ihm auf, wenn er das  Unkraut betrachtete. Wie würden die Gartennachbarn reagieren auf diesen Wildwuchs? Was würden sie von ihm denken?  Viele solcher Gedanken gingen ihm durch den Kopf während er - auf einen Spaten gestützt  - so dastand, ganz  in Gedanken versunken, traurig und ziemlich hoffnungslos.
Da kam ganz unerwartet eine alte Frau vorbei und fragte freundlich, warum er denn so traurig dreinblicke. Der Mann erzählte ihr, wie das Unkraut immer wieder wuchs  und was er schon alles dagegen getan hatte.
Da sagte sie zu ihm "Sie müssen das Übel an der Wurzel packen! Manchmal sieht man nicht gleich, wo sich die Wurzeln allen Übels verstecken. Da muss man genau hinschauen und tiefer graben."
Dann ging sie fort. Der Mann verharrte noch eine ganze Weile auf seinen Spaten gestützt, und es sah aus, als sei sein ganzer Körper angespannt. Dann atmete er ein paarmal hörbar tief ein und aus, stellte den Spaten weg und ballte beide Hände zur Faust. Und wenn man genau hinsah, merkte man, dass es nicht nur in seinem Körper, sondern auch in seinem Kopf arbeitete.
Mit einem Mal krempelte er die Ärmel hoch, holte eine Spitzhacke aus dem Schuppen und begann, dem Unkraut zu Leibe zu rücken. Mit der Zeit strengte es an und er erkannte: "Das geht nicht an einem Tag. Ich werde länger brauchen". So legte er Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat immer mehr Wurzeln frei, und er arbeitete gründlich. Er grub die Wurzeln des Übels sorgfältig aus und ließ sie in der Sonne austrocknen bis sie wie Staub auseinander  fielen.
Und dabei wurde er immer ruhiger, immer entspannter, immer ausgeglichener, obwohl er sich anstrengen musste bei dieser Arbeit. Woher kam das nur? Er war ganz erstaunt über sich.
Mit jedem Schlag der Spitzhacke verflog ein Stück mehr von seinem Ärger und seiner Wut, die er erst jetzt richtig wahrnahm.
Es war schon merkwürdig: Seit dem Besuch der alten Frau betrachtete er  die Welt irgendwie anders. Er  konnte es nicht beschreiben, aber ganz genau fühlen. Die Sonne und den Wind auf seiner Haut nahm er jetzt wahr wie ein Streicheln über Gesicht und Arme. Das war so angenehm, dass er nach einigem Zögern sein Hemd auszog und mit freiem Oberkörper weiterarbeitete. Bald würde er hier die Früchte seiner Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes genießen. Die Vorfreude jagte ihm einen kleinen Schauer über den Rücken.
Und als nach knapp einem halben Jahr jene alte Frau wieder an seinem Garten vorbeikam, da sah sie, es war ihm tatsächlich gelungen, das Übel an der Wurzel zu packen. Das Unkraut war verschwunden.
An einer unauffälligen Stelle des Gartens aber hatte der Mann eine Unkrautpflanze in einem Blumentopf übrig gelassen. Sie sollte ihn an die Wurzeln des Übels erinnern und an eine ganz spezielle Art der Körperpflege.


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