Geschichten zum Nachdenken...


Zeugnisausgabe

Veröffentlicht: 07.12.2011

Katze

Es war der letzte Schultag vor den großen Ferien. Max verstaute sein Zeugnis im Ranzen und verließ mit Bauchschmerzen und gesenktem Kopf das Klassenzimmer.
Der Heimweg führte durch einen großen Park. Max trottete mehr als dass er ging und je näher er seinem Elternhaus kam, umso langsamer wurden seine Schritte. Und die Bauchschmerzen wurden stärker.
Schließlich setzte er sich auf eine Bank, schaute noch einmal sein Zeugnis an, legte es in den Ranzen zurück, schloss die Augen und hielt sich die Ohren zu. Er malte sich ganz genau aus, was ihn zu Hause erwartete: "Die Eltern geben wieder  -  wie jedes Jahr - mit dem Zeugnis meines  älteren superschlauen Bruders  an und  ihm wird ein großer Wunsch erfüllt. Und mir sagen sie durch die Blume, wie enttäuscht sie sind. -  Maskenball in Familie! "

Auf einmal nahm er ganz überrascht wahr, wie etwas Warmes, Seidiges seine Kniekehlen berührte. Es war der Schwanz einer Katze. Als er sie streicheln  wollte, wich sie aus, setzte sich vor ihm ins Gras und beide schauten einander an. Beim Anblick der Katze wurde Max erstaunlich ruhig und vergaß für eine Weile sein Zeugnis und seine Bauchschmerzen. Er wünschte sich, dass sie wieder zu ihm kam, doch sie zögerte.. Da nahm er aus seinem Ranzen sein angebissenes Pausenbrot, brach ein Stück ab und hielt es ihr hin. Und siehe da: Sie ließ sich füttern und streicheln. Wie weich sich ihr Fell anfühlte! Und wie sie sich an ihn schmiegte!  Nach einer Weile legte sich die Katze quer über seinen Bauch und er spürte eine wohlige Wärme. Die Schmerzen waren plötzlich verflogen. "Jetzt müsste die Zeit für eine Weile stehenbleiben" dachte er. Vor lauter Wonne schloss er die Augen und nach kurzer Zeit waren Max und die Katze eingeschlafen.
Als er aufwachte und nach der Uhr sah, erschrak er. "Ich muss mich jetzt von dir verabschieden" flüsterte er der Katze zu und setzte sie ins Gras. Sie sah ihn scheinbar verständnislos an. Dann sprang sie an den Stamm eines Baumes, streckte sich ausgiebig nach oben, kratzte an der Baumrinde  und Max sah ganz deutlich, welch große, starke und spitze  Krallen in ihren Samtpfoten steckten. Krallen, von denen er nichts, aber auch gar nichts gespürt hatte.
Als er nach Hause kam, war es fast wie immer. Nach einem kritischen Blick auf das Zeugnis sagte sein Vater mit bedeutungsvoller Stimme: "Wir sind nicht ungerecht. Auch wenn es nicht für’s Gymnasium reicht, darf man sich eine Kleinigkeit wünschen". Max schwieg.
Dann mischte sich seine Mutter ein und drängte: "Nun, was wünschst du dir?".
Da hörte er sich sagen: "Krallen".


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